Warum ich reise. Flucht oder Befreiung?

Vor etwas über einem Jahr, am 22. Februar 2017, schrieb ich mir dies in Adelaide von der Seele, nachdem ich bei einem Telefonat in die Heimat wieder die üblichen Fragen gestellt bekommen hatte. 

Immer wieder höre ich dieselben Vorurteile. Du flüchtest ja nur vor deinen „deutschen“ Problemen. Deinen Problemen zu Hause. Ob ich nicht Sorge hätte, meine Entscheidung später mal zu bereuen? Was denn aus meiner Zukunft wird? Was suchst du eigentlich? 

Alles Dinge, die mir wieder und wieder begegnen. Deshalb will ich hiermit endlich mal versuchen, allen meine Sicht und meine Einstellung verständlicher zu machen.

Und dazu vorab: das was ich mache ist garantiert nicht was für jeden. Es kann halt auch nicht jeder Mathe studieren oder Physik oder Kunst oder oder. Sondern jeder muss für sich das Richtige wählen und meins ist halt momentan das Reisen. Keine Ahnung für wie lange, wohin es mich führt oder was ich noch so machen werde. Keine Ahnung, ob ich nochmal wieder in Deutschland dauerhaft leben werde oder nicht. Darauf habe ich bisher keine Antwort. Entweder es wird sich irgendwann ergeben oder eben nicht.

Ich weiß garnicht genau, wo ich anfangen soll. So viele Gedanken schwirren in meinem Kopf.

Flucht? Flüchte ich? Darauf kann ich kaum nein antworten, denn ja ich bin geflüchtet. Vor einem eintönigen Büroalltag, der einfach nicht das richtige war für mich. Probleme hatte ich keine, zumindest keine ungewöhnlichen. Halt das typische, alltägliche.

Ich war immer sportlich, habe es geliebt mich zu bewegen, draußen zu sein und habe schon als Kind liebend gerne meine Umgebung erkundet, weshalb meine Mama mir immer viel hinterher rennen musste (oder ich weggelaufen bin). Erdkunde war von Anfang an eines meiner Lieblingsfächer und es gab kaum etwas spannenderes für mich als über andere Länder und Kulturen zu hören. Ich habe sogar in meiner Freizeit den Atlas, den ich für den Unterricht hatte kaufen müssen, angeguckt und Orte nachgeschlagen. Ich habe garantiert jeden einzelnen Ort, der in den Karl May Büchern genannt war auf der Karte gesucht. Wer sonst macht sowas schon?! :D Mein größtes Interesse galt Nord- und Südamerika. Ich guckte alle möglichen Dokus über Natur und Länder, die im Fernsehen kamen und wollte unbedingt Spanisch lernen. Und dann plötzlich tat sich die Möglichkeit auf! Als eine meiner engsten Freundinnen von einjährigen Schüleraustauschprogrammen erzählte. Am Ende, nach langem hin und her, hatte ich auch meine Eltern überzeugt und durfte in der 11. Klasse ein Jahr ins Ausland. Dafür bin ich meinen Eltern unglaublich dankbar! Entschieden hatte ich mich für einen Mix aus USA und Costa Rica. Jeweils 6 Monate in einem Land. Das war also das erste Mal für mich alleine und vor allem so lange im Ausland. Es war alles andere als einfach, aber hat mich vieles gelehrt. Wer will kann sagen: „damit hat das (Un-)glück begonnen“. Ja, es ist schon krass mit 17 Jahren „alleine“ (aber ich hatte ja eine Gastfamilie) in Costa Rica zu sein. Aber wenn ich mir im Nachhinein die Stories von Leuten anhöre, die nicht weg sondern zu Hause waren, dann war ich im Gegensatz dazu echt super vernünftig und habe echt keinen Scheiß gemacht.

Und wer kann schon nachvollziehen, was es heißt eine komplette Sprache nur durch hören und sprechen zu lernen?! Ich konnte kein Spanisch als ich dort ankam. In dem halben Jahr in den USA hatte ich zwar ein paar Stunden Unterricht pro Woche, aber das waren die absoluten Grundlagen. Und dann kam ich an und sollte Muttersprachler verstehen?! Aber mit viel Geduld (und jeder Menge Frust) geht eben alles und am Ende war Costa Rica eine der besten Lebenserfahrungen überhaupt! Von der Freundlichkeit der Menschen, ihrem Glücklichsein, (obwohl alle nicht annähernd den unsrigen Reichtum und Standard haben), ihrer Lebenseinstellung und dem einfach unbeschreiblich schönen Land. Ich bin garnicht sicher, ob Costa Rica damals (2006) als Schwellenland oder 3.Welt Land galt (vermutlich ersteres?), aber so oder so war es nach den Staaten das erste Mal außerhalb der EU für mich. Das „ärmste“ Land in dem ich zu dem Zeitpunkt jemals war. Und auch meine Eltern (abgesehen von meinem Papa, der mal in Indonesien war) hatten keinerlei Reiseerfahrung diesbezüglich. Für meine Mama klang Costa Rica erstmal wie ein Albtraum, nachdem wir einen Erfahrungsbericht eines Austauschschülers über Wellblechhütten und die dortigen Gegebenheiten lasen. Ja, es las sich aus deutscher Sicht schön schaurig. Aber wen stört’s ob das Dach nun aus Wellblech oder Ziegeln ist?! Oder die Wände aus Stein oder Holz oder sonst was? Das Problem ist, dass wir uns gewisse Dinge nicht vorstellen können, ohne dort gewesen zu sein. Dass für uns solche Beschreibungen nach Obdachlosigkeit und schlechtem Leben klingen. Aber vor Ort sieht die Sache eben ganz anders aus!

Naja, ich kam nach einem Jahr wieder gesund und munter nach Hause und fiel in dieses Loch, in das so viele Reisende fallen, wenn sie nach Hause kommen. Sehr zum Missfallen meiner Eltern, die es nicht verstanden. Aber 3 Mal in 1,5 Jahren eine neue Schule zu besuchen, zwei neue Kulturen um sich zu haben und zwei Fremdsprachen zu sprechen im Alter von 16/17 Jahren ist auch kein leichtes Programm. Wer kann das schon nachvollziehen?

Schon damals hatte ich die gleichen Gedanken und die gleiche Neugierde, die mich am Ende auch wieder in die Welt getrieben haben (wieder mal zum Leidwesen meiner Eltern). Und zwar habe ich mich damals schon gefragt, warum wir uns in dieses System quetschen. In dem wir alle irgendwie nie Zeit, nie Geld haben und selten glücklich sind. Und das traurige daran ist, dass es eigentlich auch keine andere Wahl gibt (es sei denn, man wird reich geboren oder hat sich reich gearbeitet und kann sich die Freiheit quasi erkaufen). Unser System ist Kindergarten, Schule, Ausbildung/Studium, Arbeiten und Steuern zahlen. Und nebenbei, nach 50 Stunden Arbeit und sonstigem Gedöns, können wir ein bisschen Leben. Klingt geil oder?!

Naja und 6 Wochen Urlaub im Jahr waren mir eben nicht genug, um die Welt zu entdecken. Also musste ich früher oder später die Entscheidung treffen: Arbeit und Sicherheit oder Abenteuer und Ungewissheit? Ich hatte versucht nach ersterem zu leben, aber es hat für mich nicht funktioniert. Der eine entscheidet so, der andere so. Es gibt kein richtig und falsch. Was für mich richtig ist, mag falsch für dich sein. Und das ist ja auch gut so! Wär ja langweilig sonst!

Also ja gewissermaßen Flüchte ich (für die Negativdenker), aber für mich ist es mehr eine Befreiung aus dem System. Meine Art von Freiheit, von Glück und Zufriedenheit. Ich folge meiner Leidenschaft, statt Geld zu horten bzw. für Klamotten, Handtaschen, Autos und sonstige Statussymbole auszugeben.

Ich wate lieber durch Flüsse auf der Suche nach Wasserfällen, schwitze mir die Seele aus dem Leib im tropischen Klima, wander Berge hinauf, tauche auf den Meeresboden hinab, jage Sonnenauf- und untergänge, als dass ich an einem Ort festsitze und jeden Tag den gleichen Weg zurücklege. Das ist, was mir Spaß macht, auch wenn es häufig mal unbequem ist. Aber das macht mich lebendig in hält mich fit.

Nein natürlich werde ich davon nicht „reich“ im üblichen Sinne. Ein Haus kann ich mir davon nicht kaufen, aber dafür bin ich „reich“ an Erlebnissen und Lebenserfahrung. Meine Zukunft ist komplett ungewiss und Geld verdienen tue ich damit keinen Cent, ebensowenig tue ich was für meine Rente. Aber das ist es mir wert.

Hast du nicht Angst, in Deutschland keinen Job mehr zu finden? Nein, die habe ich nicht. Nur weil ich auf unbestimmte Zeit reise, heißt das nicht, dass ich faul bin, dumm oder unzuverlässig. Oder welches Vorurteil du auch immer hast. Meine Lebenseinstellung ist einfach eine andere. Ich habe meine Prioritäten anders gesetzt. Deshalb bin ich aber noch lange nicht weniger wert als alle anderen. Ich kann genauso arbeiten, wie jeder andere auch. Also warum sollte ich Angst haben?

Das ist warum ich reise, warum ich mache, was ich mache. Und was ich suche? Gute Frage. Eine vollständige Antwort auf die Frage habe ich nicht. Glück, Liebe, Leidenschaft, Abenteuer, Nervenkitzel, mich selbst, das Wahre, den passenden Beruf, den optimalen Wohnort,…

2 Gedanken zu “Warum ich reise. Flucht oder Befreiung?

  1. Pauline schreibt:

    Ein richtig schöner und ehrlicher Beitrag…
    Wenn ich deine Gedanken so höre, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ich in einem Jahr – nach meinem Asutralien Reise Jahr und einem Jahr Freiheit und Abenteuer in einer ähnlichen Situation sein werde wie du.
    Denn ich weiß jetzt schon, dass der „normale“ typische 9 to 5 Alltag nichts für mich ist.
    Was das dann bedeutet und wofür ich mich selbst entscheiden werde… mal sehen. Ich hab ja Zeit :D

    Liebe Grüße und ganz viel Erfolg bei deinem eigenen Weg!
    Pauline <3

    http://www.mind-wanderer.com

    Gefällt 1 Person

  2. Martin schreibt:

    Hey,
    Schön das hier so ausführlich erklärt zu bekommen. Ich kann mich noch an unser Gespräch erinnern vor Jahren. Da hatte ich dir genau diese Fragen alle gestellt und man hat gemerkt, dass das dich damals sehr beschäftigt hat, du aber selber noch nicht 100% wusstest, welchen Weg du einschlagen sollst. Da hast du noch in Duisburg gewohnt und hattest deinen Beruf im Büro.
    Ich konnte damals deine Sehnsucht für die Ferne nicht ganz verstehen und nachvollziehen. Aber mittlerweile ist man ja älter und reicher an Erfahrungen, wie du ja selbst sagst :D
    Heute habe ich auch viele Orte und Ziele, die ich besuchen, bereisen und erkunden will. Mit deinem Fernweh ist dies aber bei langem nicht zu vergleichen^^
    Schön zu hören, das es dir mit deiner Entscheidung gut geht und du es nicht bereust, die „Sicherheit“ aufgegeben zu haben.
    Bleib wie du bist ;)
    Ich wünsche dir, das du glücklich bist🤗

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